Hochleister und Hochbegabte (H. J. Müller)

Hochbegabte

„…sehr hohe Intelligenz allein [ist] weder eine notwendige noch hinreichende Voraussetzung für Höchstleistungen.“ (Neubauer/Stern 2007 S. 174)

„Erfolgreiches Lernen findet statt, wenn eingehende Informationen an bestehendes Wissen angebunden werden.“ (ebd. 268)

Hochbegabung - wie man sie (möglicherweise) erkennt und wie man (vielleicht) mit ihr umgehen soll

1. Wie sehen sich begabte Schüler selbst und was erwarten sie?

Auf der Feier anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Begabtenstiftung (10.9.2008 Wolkenburg) der Kreissparkasse sagten zwei ehemalige Teilnehmer der Sommerakademie, dass es wichtig sei, die eigenen Talente zu erkennen und sie mit Nachhaltigkeit zu fördern, was voraussetzt, dass man seine Stärken erkennen soll, aber auch erkennen muss, wofür man sie einsetzen soll. Dabei kann es nicht darum gehen nur menschliche Taschenrechner auszubilden. In diesem Zusammenhang wies Prof. Hengsbach darauf hin, dass sich Begabung nur innerhalb eines Netzwerkes entwickeln könne.

Begabt sein hieße begabt werden, was nur im Prozess mit anderen gelingen könne. Aus diesem Grund sei die von uns praktizierte Selektion problematisch. Verantwortlich für die Entwicklung der Begabung sei die Nutzung eines informellen Netzwerkes und die finanzielle Situation der Eltern. Es finde bei uns die Verschiebung zu einem technischen Wissen (Informationswissen) statt, um die Standortqualität zu sichern. Die Bildung rücke in den Hintergrund. Durch eine Verteilung der Ressourcen auf den privaten Bereich werden als Entsprechung von diesem privaten Bereich die Erwartungen formuliert, was Konsequenzen für die Begabtenförderung habe – nämlich statt Bildung die Förderung von mathematischtechnischem Wissen. Auch stelle eine patriarchalisch organisiertemGesellschaft ein Problem dar, weil Frauen innerhalb dieses Organisationssystems benachteiligt werden. Ziel müsse es seiner Meinung nach vielmehr sein, Begabung zu nutzen, um eine demokratische und gerechte Gesellschaft zu fördern und zu stärken.

2. Wie erscheinen und wie wirken hochbegabte SchülerInnen?

Hochbegabte Kinder sind diejenigen, die Anstoß erregen, weil sie fast alles besser wissen, sich nicht leicht anpassen können, aufbegehren und Ansprüche stellen – Nervensägen. (Reichle 2004, S. 26)

3. Wie geht Schule mit begabten und leistungsorientierten SchülerInnen um?

Bei besonders begabten Kindern fällt oft im Vorschulalter auf, dass sie sich vieles spontan aneignen. Manche Kinder haben allein das Lesen und Schreiben, Zählen und Rechnen gelernt, ohne dass die Eltern sie dabei unterstützten.

Andere entwickeln Interesse am Schulstoff, den ältere Geschwister lernen. Im Grundschulalter findet man Kinder, die Aufgaben lösen können, die noch nicht Gegenstand des Unterrichts waren, z.B. lösen gelegentlich 9-Jährige mathematische Aufgaben im Intelligenztest, die man von 14- bis 15-Jährigen erwartet.

Aus solchen Beobachtungen könnte der Eindruck entstehen, dass Hochbegabung sich im Selbstlauf entwickelt. Jedoch ist Begabung und Hochbegabung keine Garantie für schulischen und beruflichen Erfolg. Günstige Lernvoraussetzungen sind nicht gleichzusetzen mit besonderen Leistungen oder gar Expertise.

Damit sich Kompetenz in Performanz manifestieren kann, müssen Inhalte angeeignet werden, und es müssen Lerngelegenheiten geschaffen werden, um Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten anwenden zu können. Wenn auf begabte Kinder nicht adäquat eingegangen wird, wenn die Anforderungen nicht der Leistungsfähigkeit angepasst werden, besteht die Gefahr, dass Langeweile auftritt, die Lernbereitschaft abnimmt und die Begabung verkümmert (vgl. ausführlicher im Kapitel »Charakteristika und Entwicklungslinien hochbegabter Kinder, Fehlentwicklung 1: Underachievement« S. 29).

Probleme können entstehen und sich ausweiten, wenn die Bedürfnisse Begabter nicht oder nicht rechtzeitig berücksichtigt werden. Begabte können zu Underachievern werden, die über gute Voraussetzungen verfügen, sie aber nicht in Leistung umsetzen. Fördermaßnahmen können helfen, Unterforderung zu vermeiden oder zu reduzieren und Probleme gar nicht entstehen zu lassen.

Wenn ein Kind in die Schule kommt und bereits Buchstaben und Wörter lesen und schreiben kann, wird seine Erwartung, jetzt etwas Neues zu lernen, enttäuscht werden, wenn diesem Kind - wie bei Schulanfängern üblich - das Lesen und Schreiben von Buchstaben vermittelt wird. Wenn sich Lehrkräfte in ihren Forderungen an der durchschnittlichen Lerngeschwindigkeit und Lernkapazität der Altersgruppe orientieren, werden sie den meisten Kindern in der Klasse damit auch gerecht, besonders leistungsschwachen und besonders leistungsstarken Schülern jedoch nicht.

Für diese Kinder kann sich das übliche Anforderungsniveau hemmend auf die Persönlichkeitsentwicklung auswirken und Schwierigkeiten im motivationalen, sozialen und kognitiven Bereich hervorrufen. Für alle Kinder gilt, dass die Lernangebote dann besonders förderlich sind, wenn sie sich am jeweiligen Niveau der Leistungsmöglichkeiten orientieren.

Es ist wünschenswert, dass Schule Katalysator in der Begabungsentwicklung ist und sie nicht bremst. (Lehmann/ Jüling in Reichle 2004 S. 34)

4. Wie erleben Eltern den Umgang mit leistungsorientierten und/oder hochbegabten SchülerInnen?

Äußerung einer Mutter

Das deutsche Schulsystem finde ich so furchtbar ungerecht. Für schwache Kinder gibt es alle möglichen Einrichtungen, und jeder eilt zu Hilfe, aber wehe einer ist irgendwie begabt und verlangt Unterstützung, dann ist er verlassen, und muss hier und da und drüben bei allen möglichen Tests beweisen, dass er tatsächlich etwas kann. Das ist doch eine zusätzliche Belastung für diese Kinder. Es reicht doch, daß sie in der Schule ausgegrenzt werden, weil sie anders sind und andere Interessen als gleichaltrige Kinder haben.

Robert spielt fast nur mit älteren Kindern. Am besten versteht er sich mit Kindern, die zwei bis drei Jahre älter sind als er. Er spielt Schach und Strategiespiele. In der Nachbarschaft wohnen einige Kinder aus seiner ehemaligen Klasse und komischerweise benehmen sich sowohl Eltern als auch Kinder ganz anders (negativ und abweisend - Hilfe, der Robert kommt!), seit Robert die Klasse übersprungen hat. (Stapf S. 246)

5. Unser Bildungssystem und besondere Begabung

„Es ist offensichtlich, dass die Gesellschaft in ihren Bildungsinstitutionen schändlich mit diesen geistigen Fähigkeiten und Fertigkeiten umgeht.“ (Stapf 181)

6. Kennzeichen der Hochbegabung (Weinert 2000)

Das Lernen der besonders Begabten unterscheidet sich

  • durch ein höheres Lerntempo
  • durch ein höheres kognitives Niveau
  • durch eine intelligente Wissensorganisation
  • durch metakognitive Kompetenzen
  • durch höhere kreative Fähigkeiten

(Individuelle Förderung – Begabtenförderung – icbf S: 16)

7. Förderung der leistungsorientierten und/oder begabten bzw. hochbegabten SchülerInnen am Abtei – Gymnasium

Schwierig ist es schon, die besonders begabten SchülerInnen zu entdecken, unabhängig von der Problematik der Definition. War es bisher in unserer Gesellschaft verpönt, Leistung und Leistungsbereitschaft zu zeigen und war man im schulischen Betrieb eher darauf fixiert, Leistungsdefizite aufzuarbeiten, so sollen die begabten und hochbegabten SchülerInnen nun mit Recht in den Blick genommen werden. Gerade sie bedürfen einer besonderen Stärkung, damit sie ihr Anderssein nicht als Defizit, sondern als Chance erleben.

In der Orientierungsstufe sind die SchülerInnen in der Regel damit ausgelastet, sich in der neuen schulischen Umgebung und deren Ansprüchen zurechtzufinden.

Besonders herausragende SchülerInnen erhalten aber bei Bedarf natürlich schon hier individuelle Förderung.

In der Mittelstufe versuchen wir Lehrer dann, besonders begabte SchülerInnen mit Hilfe eines Kriterienkatalogs zu ermitteln. Entscheidungen, wer und wie gefördert werden soll, fällt die Klassenkonferenz.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten individueller Begabungsförderung:

Anfertigung einer Hausarbeit: Die SchülerInnen suchen sich ein Thema und einen betreuenden Lehrer in dieser Jahrgangsstufe aus und werden im folgenden ersten Halbjahr für bis zu drei Unterrichtsstunden vom Regelunterricht befreit und arbeiten selbstständig an diesem Thema. In einem Protokollbuch halten sie den Arbeitsprozess fest. Die Ergebnisse sollen auf dem jährlich stattfindenden Präsentationsabend vorgestellt werden – dies entweder durch einen kurzen Vortrag, durch eine Plakatwand oder Ähnliches. Selbstverständlich nehmen die SchülerInnen an diesen Maßnahmen nur in Absprache mit den Eltern teil.

Drehtürmodell: Beim Drehtürmodell können in den Mittelstufenklassen besonders begabte SchülerInnen in einem Fach ihrer Neigung teilnehmen, das zwei Jahrgangsstufen höher angesiedelt ist. So nehmen z. Z. MittelstufenschülerInnen auch am Unterricht der Oberstufe teil. Zwar ist es nach Auskunft der Ministerin nicht möglich, einen Teil der Abiturprüfungen im Vorhinein zu erfüllen, was sich durch die Teilnahme am Unterricht der höheren Jahrgangsstufe ergäbe, weil die Abiturprüfung als Gesamtleistung zu sehen ist. Dennoch können SchülerInnen an der Abiturprüfung der höheren Jahrgangsstufe teilnehmen, was dann im abschließenden Abiturzeugnis unter Bemerkungen aufgenommen werden kann. Bei der Teilnahme am Fremdsprachenunterricht und der entsprechenden Abiturprüfung können sich hieraus Zusatzqualifikationen ergeben, die z.T. die Zugangsberechtigungen zum Auslandsstudium erleichtern können. Wird der Zusatzunterricht dann in der eigenen Jahrgangsstufe als Grundkurs zusätzlich weiter geführt, kann dieser Grundkurs dann auch als zusätzlicher Grundkurs mit in die Wertung einbezogen werden, was aber nicht für die Anrechnung als Leistungskurs gilt. (22.1.2010)

In einer Jahrgangsstufe der Mittelstufe soll der naturwissenschaftliche Unterricht für eine Stunde geblockt werden, sodass eine Klasse mit naturwissenschaftlich besonders interessierten Schülerinnen gebildet werden kann, die zusätzlich noch eine Unterrichtsstunde erhält. Ähnliches ist für andere Fächer denkbar.

Weiterhin sollen verschiedene Unterrichtsmodule (in Erdkunde, Biologie o.ä.) in Englisch abgehalten werden. In der Oberstufe werden den SchülerInnen Sommerakademien der verschiedenen Stiftungen angeboten; verstärkt soll auf die Möglichkeit des Schülerstudiums hingewiesen werden.

In Zusammenarbeit mit dem Norbert-Gymnasium (Knechtsteden) wird ein Hochschulstudium Wirtschaftswissenschaften während der gymnasialen Oberstufe [Academy for Junior Managers (AJM)] angeboten. „Die Academy for Junior Managers (AJM) am Norbert-Gymnasium Knechtsteden bereitet Schülerinnen und Schüler der Oberstufe des Gymnasiums gezielt und praxisorientiert [im Verlauf von zwei Jahren] auf Studium und Beruf vor. Sie orientiert sich an dem St. Gallener Management Konzept. Es werden Kompetenzen, Methoden und Qualifikationen vermittelt, die für Studium und Beruf notwendig sind. Träger der AJM ist der Norbert-Gymnasium e.V., der auf gemeinnütziger Grundlage die Durchführung von Bildungs- und Erziehungsaufgaben wahrnimmt. …. Die Abschlussprüfung zum Junior Manager wird durch die IHK zertifiziert. Unterricht und Dauer: Es besteht auch die Möglichkeit nach einem Jahr einen Ausbildungsgang Sportökonomie zu belegen.

Der Unterricht wird an 2 Samstagen im Monat von 9:00 – 14:00 Uhr durchgeführt. Die Ausbildung dauert 2 Jahre (ca. 210 Unterrichtsstunden). Unterrichtsmaterialien können u.a. aus dem Internet heruntergeladen werden.

Prüfungen: Nach dem 1. Jahr eine 2-stündige Klausur (1/3 der Endnote). Nach dem 2. Jahr die Präsentation eines Projektes mit Prüfungsgespräch (ca. 30 Minuten) vor einer Prüfungskommission der IHK (2/3 der Endnote)

Abschluss: IHK-Zertifikat und Zeugnis der AJM

Kosten: 600,-- Euro jährlich (monatlicher Einzug)

Der Ausbildungsvertrag kann nach einem Jahr gekündigt werden.“

(zitiert aus der Pressemappe AJM des Nobert-Gymnasiums)

8. Checkliste für Merkmale Hochbegabter

Das Positive hervorheben

Achten Sie auf Schüler, die

  • sehr viel mehr über die Welt wissen, als man es für gewöhnlich in ihrem Alter erwarten würde,
  • über ein umfangreiches Vokabular verfügen,
  • neue Lerninhalte schnell begreifen und sie auf verschiedene Kontexte anwenden,
  • sehr neugierig sind und häufig Fragen stellen,
  • sich mit Lehrstoff befassen, der ihrer Altersgruppe um mehrere Jahre voraus ist,
  • schwierige Aufgaben mit Beharrlichkeit angehen,
  • sich ins eigene Lernen vertiefen können,
  • sich um gesellschaftliche Probleme sorgen, wie z.B. Umweltprobleme,
  • sehr einfallsreich und kreativ sind und dies zur Problemlösung nutzen,
  • einen reifen Sinn für Humor zeigen,
  • Nuancen und Subtilitäten in Geschichten erkennen,
  • ihr eigenes Denken und das Denken anderer - auch so genannter Experten - herausfordern,
  • logisch argumentieren,
  • den Umgang mit Erwachsenen vorziehen,
  • ästhetisches Empfinden besitzen,
  • ihr Lernen selbst planen und sich für Abgabetermine ihrer Arbeiten verantwortlich fühlen.

Auf Negatives achten

Achten Sie auf Schüler, die

  • sich schnell langweilen und sich deswegen beschweren,
  • frustriert sind und stören,
  • absichtlich schlechte Leistungen bringen, um ihre Begabung zu verbergen,
  • eine nachlässige Haltung gegenüber Arbeiten, pünktlicher Abgabe und angemessener Qualität ihrer Arbeit entwickeln,
  • eine arrogante Einstellung Mitschülern und auch Lehrern gegenüber haben,
  • keine Beziehungen zu anderen aufbauen und lieber allein lernen und spielen.

® Verlag an der Ruhr. Postfach 10 22 51, „…in meiner Klasse“ S. 13

Literatur

John Edgar, Erin Walcroft, Hilfe, ich hab`einen Einstein in meiner Klasse! Wie organisiere ich Begabtenförderung?

Verlag an der Ruhr EAN: 9783860727355 (ISBN: 3-86072-735-4)

Individuelle Förderung – Begabtenförderung – icbf – Stiftung Bildung (ohne Jahr)

Lehmann/ Jüling als Anhang zu B. Reichle 2004 S. 34

Neubauer, Aljoscha und Stern, Elsbeth, Lernen macht intelligent, 2007

Reichle Barbara Hochbegabte Kinder: Erkennen, fördern, problematische Entwicklungen verhindern 2004

Stapf, Aiga, Hochbegabte Kinder: Persönlichkeit, Entwicklung, Förderung (Taschenbuch) 2008

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